Mein Selbst – als Swimmingpool

Ich will wieder in meinem Selbst schwimmen. Mein Ich soll treiben auf meinem Selbst, in meinem Selbst, wie im Wasser eines Swimmingpools. Warm, sicher, behütet, mühelos. Mit dem Wissen, mein Selbst sorgt für mich.

Ich habe vor über zehn Jahren das erste Mal von der Unterscheidung von Ich (Ego) und Selbst gehört. Ich fand sie ziemlich doof. Ich bin ich, ist doch klar.
Dann habe ich mit 21 Jahren in Sardinien die Erfahrung gemacht, wie mein Geist und mein Körper kongruent waren. Sie waren nicht verschmolzen, aber sie waren verbunden und waren sich einig. Sie zeigte beide ganz intuitiv in die gleich Richtung. Mein Herz, mein Verstand, mein Körper waren sich einig; insofern waren sie eins, während sie gleichzeitig von einander unterscheidbar waren.
Dann kam die Zeit der abermaligen Trennung. Ich habe seitdem viel gelernt, zu der Trennung, zu der Verbindung.

Im Moment unterscheide ich zwischen Ich und Selbst.
Mein Selbst bin ich, aber es geht über mein Bewusstsein hinaus. Es ist der „größere Teil“ von mir. Es ist mein Selbst, wenn ich intuitiv merke, dass ich den Regenschirm mitnehmen sollte, obwohl ich gar nicht (bewusst) aus dem Fenster geschaut habe. Es ist so ein Kribbeln, wenn ich merke, das ein Schritt von mir gerade genau der Richtige ist. Imgrunde ist auch meine Lust auf kalorienreichen Gorgonzola, wenn ich unterzuckert bin.

In einem GfK-Buch („Mama, was schreist du so laut?“ von Britta Hahn) habe ich eine wissenschaftlich Grundlage dafür gefunden, was ich als Ich und Selbst bezeichne. Sie beschreibt das Gehirn vereinfacht als einen unteren, mittleren und oberen Teil.
Der untere Teil ist unser Stamm- und Kleinhirn. Von ihm werden alle „automatischen“ Körperfunktionen gesteuert. Atmung, Herzschlaf, Körpertemperatur, Verdauung.
Der mittlere Teil ist das Zwischenhirn. In ihm sind alle Erfahrungen gespeichert. Es kann nicht mit Worten sprechen. Sondern es arbeitet mit Bildern, Eindrücken, Symbolen und Emotionen. All dies ist mit einander verknüpft.
Mit dem oberen Teil des Gehirns denken wir, planen wir, sprechen wir, entwickeln Ideen und machen Phantasiereisen.
Bei einem Sinnesreiz reagieren der untere und der mittlere Teil des Gehirns in Millisekunden. Sehr viel schneller als unsere „graue Masse“ in Bewegung kommt. Unser Körper nimmt unglaublich viel wahr, nur ein Bruchteil davon können wir mit unserem Bewusstsein bearbeiten. Der Rest wird vom mittleren und unteren Teil bearbeitet. Es gibt Situationen, in denen reagieren wir „irrational“. Wir handeln auf eine Weise, die wir für die Situation nicht angemessen halten, oder deren Grund wir nicht erkennen. Ein Beispiel: Ein Mann geht mit einem Freund spazieren. Er wird traurig und seine Augen werden feucht. Aber an dem Gespräch hat ihn doch nichts traurig gemacht? Und für seinen Freund empfindet er auch keine Trauer. Er hält inne, wird aufmerksam und lässt die Umgebung auf sich wirken. Und dann merkt er es… Es riecht Gänse. Sein Bewusstsein war mit dem Gespräch beschäftigt, aber sein Unterbewusstsein hat den Geruch wahrgenommen und ausgewertet. Der Mann erinnert sich an das Dorf seiner Kindheit, in dem es Gänse gab, und ihm wird eine Sehnsucht in sich bewusst.

Und in diesen beiden Teilen, dem unteren und dem mittleren, verorte ich mein Selbst im Gehirn. Es ist alles das, was über mein Bewusstsein hinausgeht. Es ist größer als ich in dem Sinne, dass es evolutionsbiologisch viel älter ist und viel enger mit meinem Körper verbunden. Und ich kann es nicht kontrollieren. Ich kann nur mit ihm kommunizieren. Und in ihm ist mein absoluter Lebenswille verankert. Wenn mein Hirn nicht funktioniert und bevor mein Hirn funktioniert hat, hat mein Mittelhirn schon entschieden ob Flucht, Angriff oder Erstarren. Ich glaube, mein Selbst ist noch mehr als dieser Teil des Gehirn. Mein Selbst ist mein gesamter Körper. Aber dieser hängt ja eng mit dem Gehirn zusammen. Seine Funktionen und Reaktionen werden vom Gehirn gesteuert.

Wenn Ich mit meinem Selbst verbunden bin… fühle ich mich nicht allein, denn mein Selbst ist bei mir; brauche ich keine Angst haben, denn mein Selbst zeigt mir meinen Weg; fühle ich mich stark, denn ich enthalte Massen; bin ich warm, denn mein Selbst wird immer in Liebe zu mir handeln und für mich stehen.

Es hat wirklich etwas Transzendentes, denn es geht über mein Kontrollierbares, Bewusstes hinaus.

Mit Gewaltfreie Kommunikation möchte ich gerne diese Teile wieder mehr zu einander bringen. Ich möchte öfter darauf achten, wie es meinem Körper geht und was er „sagt“. Ich möchte mir ganz viel Zeit nehmen, meine Reaktionen, Gefühle und Impulse (mein Mittelhirn also) besser verstehen zu lernen und mir dabei mit ganz viel Empathie begegnen.
Ich möchte gerne wieder mehr abgeben an mein Selbst, an meinen Körper, meinen unteren und mittleren Teil des Gehirns. Denn imgrunde wissen sie sehr viel besser als mein Bewusstsein, was mir gut tut. Ich muss ihnen dafür a)mehr Platz einräumen und vertrauen und b) mehr lernen, sie zu verstehen.

 

PS: Ego-Bashing ist das hier nicht. Ich halte das Ego für extrem wichtig. Es ist der Teil, der merkt, dass ich ich bin, ein abgeschlossenes, von anderen Menschen unterschiedenes Individuum. Der unabhängig von anderen auf mich achtet. Der überschaut, was passiert; der Stratgien entwickeln kann, die bis jetzt in meinem Mittelhirn nicht eingespeichert sind; und der Teil, der alle Impulse wahrnimmt und mit einander verbindet und entscheidet, ob das Stück Gorgonzola gerade wirklich die beste Strategie für alle meine Bedürfnisse ist.

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